Kolumne von Anette
Welp

Die Sonne scheint kleine
Löcher in mein Gesicht zu brennen. Jedenfalls fühlt es sich
so an. Wäre der Wind nicht, würde ich diese Hitze nicht
aushalten. Vor mir liegt mein Kugelschreiber und ein leeres
Blatt Papier. Nichts will mir einfallen hier auf Formentera.
So sehr ich mich auch anstrenge. Formentera, das ist diese
Hippie- und Aussteiger-Insel, wo sich alle nackt herum
fläzten und auf Droge sind. Stimmt’s, das hätten Sie mir
jetzt nicht zugetraut! Müssen Sie auch nicht. Denn
Formentera ist inzwischen eine Nobel-Insel mit angezogenen
Menschen, Strom und fließend Wasser. Eine teure Insel, auf
der zwar ich in einer Luxus-Finca lebe, aber Minimalismus
übe. Wissen Sie, was Minimalismus bedeutet? Eben mal nicht
luxuriös sein, sondern zwei Wochen lang nur eine Jeans,
einen Pulli, zwei T-Shirts, ein Handtuch, Espadrilles tragen
und sonst nichts. Zwei Wochen lang von der Hand in den Mund
kochen und leben. Jeden Tag mit dem Fahrrad an den Strand
radeln, das karibisch blaue Meer genießen, ein bisschen
schwimmen, ein bisschen lesen und viel schlafen.
Zwischendurch einen Kaffee trinken und Geschichten und
Kolumnen schreiben.
Aber ausgerechnet heute will mir nichts einfallen. Einfach
nichts. Sonst sprudelt es aus mir heraus und ich kann es
nicht vermeiden, kleine Geschichten oder auch freche
Kolumnen zu schreiben. Ich gebe es ja zu: Ich mag es zu
spotten, zu kritisieren, mit dem Finger in die Wunde zu
piken, die sich gerade aufgetan hat. Und jetzt? Wenn ich ans
Schreiben denke, bringt es ein Würgegefühl in mir hervor,
schreiben zu müssen. Ich will nicht. Ich weigere mich. Jetzt
mal ehrlich! Wer will wissen, was ich sehe? Wer will lesen,
was mich stört? Das ist doch völlig unwichtig - für mich
jedenfalls in diesem Augenblick. Viel wichtiger erscheint
mir die Überlegung, wie ich für immer hierbleiben könnte.
Aber wovon leben? Schafe hüten und Gewürze anpflanzen. Oder
auf den Hippiemärkten Bücher, Bilder, Selbstgemachtes
verkaufen. Aber auf jeden Fall für immer aus dem stressigen,
hin und wieder unsinnigen Alltag in Deutschland flüchten.
Meinem Alltag den Rücken kehren und meinem Leben wieder
einen neuen Sinn verleihen. Ja, ich weiß, ich spreche Ihnen
aus der Seele. Das kennen Sie auch. Und Sie finden, dass es
Hokuspokus, Träumerei – mal gelinde gesagt - eine
Schnapsidee ist. Wir gehen nicht einfach weg. Wir tun es
nicht. Wir flüchten nicht. Wir reisen immer wieder zurück
nach Hause. Wir verlassen die wunderschönen Orte dieser
Welt, die uns viel glücklicher, freier und kreativer machen
und fahren zurück in die Welt, die wir kennen, die uns
vertraut ist. Urlaub ist eben Urlaub und Alltag bleibt eben
Alltag – auch auf Formentera.
Aber eines sage ich Ihnen: Irgendwann bin ich weg mit allem,
was mir lieb ist und dann mach ich aus meinem Alltag Urlaub!
Versprochen! Zwischendurch schick ich Ihnen meine Kolumnen.
Die Zeit nehm ich mir! Auch das ist versprochen!
Anette
Welp, Jahrgang 1963, ist Autorin und
Verlegerin. Nach drei Buchveröffentlichungen
erscheint nun ihr erstes Hörbuch, in dem sie
ihre bisher schönsten Kolumnen vorliest.
Weitere Informationen finden Sie in ihrer
Homepage:
www.vollweiblich.de