Kolumne von Anette
Welp

Waren Sie schon mal an Weiberfastnacht
unterwegs? Da hüpfen mit Scheren bewaffnete Frauen durch die
Büros, pirschen sich an nichts ahnende, seidenbeschlipste
Männer heran und schnipp schnapp ist der Schlips ab. Der
teure Schlips, den er sich erst letzte Woche passend zu
seinem Hugo-Boss-Anzug gekauft hat. Das wäre nicht die erste
Anzeige! Wild gewordene Frauen ... Können Sie mir mal sagen,
was bei denen zu Hause los ist, wenn sie – einmal
losgelassen – den Männern – meistens auch noch fremden
Männern - die Schlipse abschneiden müssen?
Als Kölnerin ist mir der Brauch bekannt und
ich kenne diese Attacken nur allzugut. Allerdings habe ich
mich immer dagegen ausgesprochen und noch nie einem Mann
einen Schlips abgeschnitten. Es hat so etwas
Kastrationsähnliches, finden Sie nicht? Im Gegenteil: Ich
habe schon zwei „nicht beschnittene“ Schlipse geschenkt
bekommen.
Der Brauch besagt, dass die Frauen an diesem
Tag die Macht haben! Also, mal ganz ehrlich, ein Tag Macht
ist mir zu wenig. Ich habe immer Macht. Bei uns habe ich
immer die Hosen an. Ganz ehrlich: An Weiberfastnacht lasse
ich mich lieber verwöhnen, anstatt mich sinnlos zu betrinken
und Männern die Schlipse abzuschneiden. Mein zehnjähriger
Sohn war am Weiberfastnachtmorgen ganz rührig.
„Mama, heute mache ich ALLES für dich. Bleib
mal ruhig in deinem Bett liegen“, säuselt er in mein
schläfriges Ohr.
„Schätzchen“, säusele ich zurück, „du hast da
was verwechselt. Heute ist nicht Muttertag!“
„Wieso? Ich denke, an Muttertag tust du was
für uns!“, kräht mein Sohnemann aus der Küche.
Wie soll der arme Kerl auch durch die ganzen
Frauenfeiertage durchblicken? Ich denke gerade an den
Valentinstag! Der ist zwar nicht speziell für Frauen
gedacht, aber ich kenne nur Frauen, die motzig reagieren,
wenn sie von ihrem Liebsten an diesem Tag nicht beschenkt
werden.
Der wichtigste Frauenfeiertag ist der
Internationale Frauentag. Meine Tochter weiß
selbstverständlich genau Bescheid. Schon als Vierjährige hat
sie im Kindergarten am 8. März die Faust hochgehalten und
gerufen: „Es lebe die Efrauzipation!“ Irgendwie war ich ganz
erschrocken! Aber sie kann gar nicht früh genug für ihre
Rechte einstehen und sie leben, denke ich. Heute, als
Vierzehnjährige, ist sie so selbstbewusst, dass ich immer
meine, ich müsste die Jungs schützen. Mein Sohn muss das
natürlich auch aushalten.
„Mama, ich ziehe heute keinen Schlips an!“,
sagt mein Sohn am Internationalen Frauentag.
Ja, wie soll er das auch alles auseinander
halten!
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Veranstaltungshinweis:
Am Sonntag, den 07.03.2010, 17:00 Uhr, gibt’s
Amüsantes zum Thema Gleichberechtigung in der Lesung mit
Anette Welp. Die Autorin präsentiert Highlights aus ihrem
Hörbuch „Man(n) putzt!“, in dem sie den Beziehungsalltag von
Mann und Frau mit viel Augenzwinkern unter die Lupe nimmt.
Veranstaltungsort ist die Kunstgalerie am Büchnerhaus in
Riedstadt-Goddelau. Um Anmeldung wird unter Tel.:
06158/930841 oder Email:
kultur@riedstadt.de
gebeten. Der Eintritt ist frei.
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Anette
Welp, Jahrgang 1963, ist Autorin und
Verlegerin. Nach drei Buchveröffentlichungen
erscheint nun ihr erstes Hörbuch, in dem sie
ihre bisher schönsten Kolumnen vorliest.
Weitere Informationen finden Sie in ihrer
Homepage:
www.vollweiblich.de